Was ist das Mutterlandprinzip?

Das Mutterlandprinzip (oder auch Ziellandprinzip) bedeutet, dass der Übersetzer in dem Land lebt, für dessen Sprache er übersetzt. Dies wird von manchen Übersetzungbüros als ein Qualitätsmerkmal verkauft. Die Begründung dahinter: eine Person die nicht in das Zielland lebt, würde seine Muttersprache-Kenntnisse nicht mehr aktualisieren.
Bei solchen Argumenten können wir nur schmunzeln. Solche Begründungen mögen vor 50 Jahren noch akzeptiert worden sein, aber im heutigen Zeitalter halten diese nicht Stand.
Vor 50 Jahren gab es kein Email, kein Internet und kein Kabel TV. Wir sind anders gereist und wir haben anders Kontakt gehalten. Ist man von Rumänien nach Deutschland ausgewandert, war es in der Tat schwieriger mit dem Mutterland Kontakt zu halten und mit dem neuesten Slang auf dem Laufenden zu bleiben. Und regelmäßig nach Rumänien reisen war auch nicht drin.

Heute leben wir in einem ganz anderen Zeitalter. Informationen, Internet, Kommunikation, TV Sender, Handys, Satelitten, Reisefreiheit, EU… die Welt hat sich verändert, alles ist heute anders. Wir, die Übersetzer, leben in Deutschland aber der Kontakt mit der Muttersprache ist 24h gegeben. Wir verfolgen die rumänischen TV-Sender und lesen die rumänischen Zeitungen, wir halten täglich Kontakt mit unserer Familie, Freunde, Geschäftspartner und Kunden aus Rumänien. Zudem sind wir die Hälfte des Jahres in Rumänien unterwegs.

Wer in der heutigen Zeit noch mit dem Mutterlandprinzip wirbt, dem geht es lediglich darum billige Übersetzer aus Rumänien einzusetzen und dies als „Vorteil“ zu verkaufen. Und genau darin liegt die Falle: Diese Übersetzer sind natürlich exzellent in ihrer Muttersprache, aber die deutsche Sprache beherrschen sie eben nicht auf dem notwendigen Niveau! Wir sind selber Rumänen und wir wissen das aus eigener Erfahrung.

Deutsche Redewendungen kennt nicht jeder

Ein Übersetzer aus Rumänien der die Deutsche Sprache in Rumänien gelernt hat, aber nicht in Deutschland lebt, kann bestimmte deutsche Begriffe gar nicht kennen oder kann sie nicht richtig einordnen wenn er ihnen begegnet.

Jemand der nicht in Deutschland lebt oder gelebt hat, kennt keine schwedische Gardinen, der weiß nicht was „nur Bahnhof verstehen“ bedeutet oder was es heißt wenn einem etwas spanisch vorkommt. Er weiß nicht das „auf der Leitung stehen“ nicht „in der Leitung warten“ bedeutet, und das mit dem Storch und dem Braten kapiert er auch nicht.

Zusammengesetzte Wörter oft mißverstanden

Und es geht auch nicht nur um deutsche Redewendungen sondern auch um Begriffe des Alltags die einfach falsch übersetzt werden weil sie von den Übersetzern aus Rumänien missinterpretiert wurden. Zu oft haben wir solche falsche Übersetzungen gesehen, weil sich Übersetzer aus Rumänien mit solchen Begriffen schwer tun.

In Rumänien gibt es einen „Frauentag“ aber keinen „Muttertag“ so wie in Deutschland, oft werden sie in Übersetzungen gleichgesetzt, was natürlich falsch ist. Der Feierabend ist nicht der Abend, an dem man die Feier feiert, der Frankfurter ist nicht unbedingt ein Mann der in Frankfurt lebt. Beim Abendbrot geht es nicht unbedingt darum Brot zu essen und wenn Vatertag „Tag des Vaters“ bedeutet, ist der Brückentag nicht „der Tag der Brücken“. Der Unparteiische ist nicht die Person die keiner Partei gehört, der Spion ist nicht immer ein Kollege von James Bond und die Sportskanone ist auf jeden Fall nicht eine Kanone die im Sportbereich eingesetzt wird.

Manchmal gibt es das Wort in der Zielsprache gar nicht

Noch schwieriger wird es, wenn es in der Rumänischen Sprache keinen Pendant für den deutschen Begriff gibt. Der Rumäne kennt keine „Wegeversicherung“ weil er auf dem Arbeitsweg über die „Arbeitsunfallversicherung“ versichert ist, somit gibt es keinen dedizierten Begriff für die „Versicherung auf dem Weg zur Arbeit“.

Der Rumäne kennt keine „Schadensfreude“ und auch keinen „Anschlusstreffer“. „Ohrwurm“ hat auch keine Übersetzung in der rumänischen Sprache, genausowenig wie „innerer Schweinehund“. Und die Liste ist lang: bausparen, fremdschämen, kuscheln, verschlimmbessern, Dunkelziffer…

Diese Begriffe gibt es nur in der deutschen Sprache, für sie gibt es keinen direkten rumänischen Pendant, sie müssen mit Feingefühl übersetzt werden, und dass kann man auch nur dann machen wenn man den deutschen Begriff und auch die entsprechenden Gegebenheiten aus Deutschland kennt bzw. 100% verstanden hat. Solche Kenntnisse fehlen aber dem Übersetzer, der in Rumänien lebt.